Mullefluppet
So fing es an
Begründung
Mullefl. v. 2.5.01
Mullefl. v. 20.8.01


Foto: Andreas Schmitter

 

Lange Gesichter gab es gestern Abend in der Baustelle des Insulaner. Manfred Kutsch von der Aachener Zeitung hatte zu einer Bürgerversammlung geladen. Als dann Ratsvertreter Marcel Philipp, Karl Schultheis und Bürgerbeauftrager Gert Dupont mitteilten, dass von der Verwaltung ein geheimes Papier aus irgendeiner Schublade entdeckt worden sei, in dem festgelegt sei, dass ab 1. Juni 2001 das Anwohnerparken für das Viertel ohne wenn und aber eingeführt werden soll.
Die Verwirrung wurde perfekt, als auf der Straße Krawall losbrach, der dann mit einem “Hoch soll ‘se Leben” und Sekt in den Insulaner wanderte. Es war das Kuratorium des Oecher “Mullefluppet-Preises”. Und siehe da, das Frankenberger Viertel ist das erste Stadtviertel in Aachen, welches diese Auszeichnung erhält. Ich bedanke mich im Namen aller Frankenberger für diese wunderschöne Auszeichnung und freue mich schon auf die Preisverleihung in der Kappertzhölle. Geplant ist auch ein Fest, welches selbstverständlich für alle Frankenberger auf dem Neumarkt stattfinden wird.


Foto: Andreas Schmitter

 

 

 

 

Ein ganzer Stadtteil strahlt: Der Mullefluppet-Preis der Aachener Zeitung geht in diesem Jahr an die Menschen im Frankenberger Viertel. Foto: Andreas Schmitter

Bericht der AZ: 


Gala für die «Gallier» vom Neumarkt - AZ-Mullefluppet-Preis geht ans Frankenberger Viertel

Aachen. Humor? Wo Bürger eigenhändig eine närrische Open-Air-Sitzung auf die Beine stellen, dürfte davon reichlich vorhanden sein. Schlitzohrigkeit? Beim Anwohnerparken hat man sich jedenfalls nicht übers Ohr hauen lassen. Hilfsbereitschaft? Wo Nachbarn sich gegenseitig unter die Arme greifen und gemeinsam zahllose Projekte umsetzen, erübrigt sich diese Frage. Liebe zu Aachen? Ja, was denn sonst!? Weil das so ist, liegt förmlich auf der Hand: Das Frankenberger Viertel verdient den Mullefluppet-Preis der Aachener Zeitung!

Doch bevor sich die «Frankenberger» im Herbst in der Kappertz-Hölle feiern und feiern lassen können, mussten sie ein Wechselbad der Gefühle durchleben. Denn wer den Preis erhält, wird zunächst einmal kräftig aufs Glatteis geführt . . .

Das Gesicht wird lang und länger. Ab und an zieht der Mann eine Augenbraue hoch. Seine Hand lässt den Stift übers Papier fliegen. Schlimmes muss Hans-Dieter Jurewicz da über sein Frankenberger Viertel hören. Von ernsten Dingen berichtet AZ-Chefreporter Manfred Kutsch. Was Politik und Verwaltung da wieder vorhaben . . . Jurewicz schüttelt gerade noch mit dem Kopf, da scheppert es plötzlich laut vor der Tür. Irritiert hebt der Mann den Kopf . . . und sieht Gitta Haller mit Akkordeon, sieht Sektgläser, hört Musik.

«Bin ich hier im falschen Film?» Die Frage steht ihm ins Gesicht geschrieben. Nein, im richtigen Film. Das Mullefluppet-Kuratorium hat wieder zugeschlagen. Der falsche Film lief vorher, und es war ein Horrorstreifen . . .

Hochoffiziell hatte die AZ in den «Insulaner» eingeladen, der ja noch eine Bausstelle ist. Über das Viertel im Umbruch (deshalb der Treff auf der Baustelle) wolle man einen großen Artikel schreiben, berichtet Kutsch einer bunten Schar von Bürgern aus Handel, Gewerbe, Initiativen, Kleinkunstszene, kurz: den Machern und Menschen im Viertel. Denn der AZ lägen Informationen vor, die das Leben rund um die Burg Frankenberg durchaus verändern könnten. Das nächtliche Boule-Spielen auf dem Neumarkt beschäftige das Ordnungsamt, serviert Kutsch den Zuhörern die erste bittere Pille. Beschwerden habe es gegeben. Nur noch bis 22 Uhr werde das «Klack-klack» der Kugeln künftig erlaubt sein, bestätigt der Bürgerbeauftragte Gerd Dupont.

Dass die von den Bürgern dort aufgestellte Toilette wegen einer Anzeige vom Gesundheitsamt unter die Lupe genommen werde, löst ersten Widerspruch aus. Doch dann kommt erst der Hammer. Das Anwohnerparken, gegen das sich das Viertel erfolgreich gewehrt hat, werde von der Verwaltung binnen vier Wochen eingeführt. Von diesem «Gerücht» hätten sie ebenfalls schon gehört, bestätigen auch noch die Politiker Marcel Philipp und Karl Schultheis.

Fassungslose Stille, dann formiert sich der Widerstand . . . und dann kommt Gitta. «Hoch sollen sie leben», singt sie mit den Mullefluppet-Kuratoriumsmitgliedern Hanns Bittmann und Albert Henrotte aus voller Kehle. «Vergessen sie alles, was sie gehört haben», verwandelt sich der Reporter Kutsch zum Kuratoriumsmitglied.

Aus Bestürzung wird Begeisterung - nicht zuletzt angesichts der vielen Gründe, die erstmals in der Geschichte des Mullefluppet-Preises ein ganzes Stadtviertel zum Preisträger machen. «Wenn Menschen wie in einem Kleinbonum der Neuzeit mit verbalen Steinschleudern gegen das Anwohnerparken kämpfen und gleichzeitig wie die Gallier zu feiern verstehen», dann ist das preiswürdig, hebt Kutsch zur Lobeshymne an.

Und ganz klar: Die Mullefluppet-Tugenden Humor, Schlitzohrigkeit, Hilfsbereitschaft und Liebe zu Aachen findet man in dem Viertel, das ein «Synonym für ein Dorf in der Stadt, für Kontakt anstelle von Anonymität, für Initiative von Bürgern, für Multikultur und Toleranz ist», an jeder Ecke.

Da sind die Frankenberger «völlig platt», wie «Mister Neumarkt» Jurewicz gesteht. Mit Gattin Uschi, der «Insulaner»-Wirtin Geli Weniger, Museums-Kustos Adam C. Oellers, Boule-Initiator Erlendt Remie, Gerd Dupont und dem Frankenberger «Web-Master» Wernfried Dussin wird er in der Kappertz-Hölle fürs ganze Viertel den Preis annehmen. Dafür feiern sie an diesem Abend schon einmal vor. Zuerst rührend umsorgt von Gastronom Hans Holland, dann bis tief in die Nacht mit einem Fass Bier auf dem Neumarkt. Wie die Gallier eben.
Oliver Schmetz
www.aachener-zeitung.de
 

 

Ein Zuhause für alle Generationen: Anton Breiden, der seit 92 Jahren im  Frankenberger Viertel lebt und die neunjährige Lisa. Foto: Andreas Schmitter

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