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Mullefluppet-Preis der Aachener Zeitung 2001 an das Frankenberger Viertel
Begründung des Kuratoriums (Ansprache von Manfred Kutsch)
Baustelle „Insulaner“, Aachen, 30. April 2001
Meine Damen und Herren, vergessen Sie alles, was wir
miteinander besprochen haben. Vergessen Sie Anwohnerparken, Klo-Nutzungsverbot, Boule-Klack-klack. Vergessen Sie den ganzen Termin, den wir hier initiiert haben. Vergessen Sie den Vorwand der Örtlichkeit des
“Insulaners“, in der Baustelle spiegele sich der Umbruch des Viertels wider. Die Aachener Zeitung schreibt auch keinen Artikel über die Stadtentwicklung des Frankenberger Viertels. Und erst Recht sind wir
an einer sachlichen Diskussion - im Moment - mit Ihnen hier und jetzt überhaupt nicht interessiert.
Denn, liebe Frankenberger, Sie wurden auf übelste Weise in
die Irre geführt und arglistig getäuscht, um einen gesellschaftlichen Höhepunkt im Leben der Stadt Aachen live zu erleben, in dessen Mittelpunkt das Frankenberger Viertel, vertreten durch Sie alle, - stehen
wird.
Zum Hintergrund: Wenn Menschen wie in einem Kleinbonum der
Neuzeit mit verbalen Steinschleudern gegen das Anwohnerparken kämpfen und gleichzeitig wie die Gallier zu feiern verstehen, wenn Anwohner einen Wochenmarkt initiieren, eine Open-Air-Karnevalssitzung, eine
Boulebahn eigenhändig buddeln, bauen und frankophil bespielen, wenn der Neumarkt zu diesen Zwecke nachts beleuchtet wird. Wenn Bürger Schlüsselgewalt zu Straßenlaternen und zum Klo auf einem öffentlichen
Platz haben, damit sich die Kinder des Spielplatzes und die Blasen der Boulespieler erleichtern können. Wenn Eigeninitiative dazu führt, dass Frankenberg zu Deutschlands wohl einzigem Stadtviertel mit eigener
Webseite führt. Wenn Läden, wie etwa beim ”Lottokönig“ und “Pfeifenpapst“ Jurewicz, zur Schaltzentrale von Kaffeetrinken und Kommunikation gedeihen. Dann, ja dann ist man/frau im Frankenberger
Viertel.
Wenn der Präsident der Deutschen Handwerkskammer, der
Architekt, der Arbeitslose, der Kleinkünstler, der Flippige, der Bourgeoise, der Alte und Junge, der Rote, Schwarze und Grüne, der Begüterte und weniger Finanzbeschwerte nicht nur gemeinsam Boule spielen,
sondern sich in Akzeptanz und Wohlgesonnenheit leben lassen. Wenn die Pommes kranken Menschen auch mal ans Bett gebracht wird. Wenn die verschwundene Katze an den Bäumen und oder in Schaufenstern auf Zetteln
zur Fahndung ausgeschrieben wird und das verlorene Gebiss einer alten Frau von Anwohnern gesucht und gefunden wird. Ja, auch dann ist man/frau im Frankenberger Viertel.
Wenn der historische Brückenschlag von der Burg
Frankenberg anno 1300 zum futuristisch anmutenden Glaspalast der Vegla reicht, wenn ein anderswo ausgedienter Wasserbrunnen bald auf dem Neumarkt plätschern wird, wenn dort das Martinsfeuer lodert oder das
Silvester-Festzelt steht, wenn sich Traditionskarneval mit der Oecher Storm und Kleinkunst und alternativer Strunx mixen, wenn der “Insulaner“, das Herz des Viertels, österliche Wiederauferstehung durch die
Familie Weniger feiert, wenn Cassolette, Aix, Kalymnos bis zum Exil keine Monogäste beherbergt, sondern kunterbunte Heerscharen an unterschiedlichen Persönlichkeiten. Ja, auch dann, ist man/frau im
Frankenberger Viertel.
Weil all dies so ist, finden sich im alltäglichen Leben
des Frankenberger Viertels vier Tugenden wieder: Humor, Hilfsbereitschaft, Schlitzohrigkeit und Liebe zu Aachen. Das Frankenberger Viertel, ein Synonym für ein Dorf in der Stadt, für Kontakt anstelle von
Anonymität, für Initiative von Bürgern, für Multikultur und Toleranz.
Einstimmig hat deshalb das Mullefluppet-Kuratorium
beschlossen: Erstmals in der 18-jährigen Geschichte dieses Preises, der die oben erwähnten Tugenden des AZ-Mullefluppet auszeichnet, wird der Mullefluppet-Preis der Aachener Zeitung in diesem Jahr einem ganzen
Stadtviertel, nämlich dem Frankenberger Viertel, vergeben.
Stellvertretend werden sieben Personen für das Viertel ausgezeichnet:
Geli Weniger, mundwerkstarke Tochter des Kultvaters Franz, und Wirtin des „Insulaners".
Wernfried Dussin, der introvertierte Webmaster, der
ehrenamtlich das Frankenberger Viertel unter www.frankenberger-viertel.de weltweit vernetzte und auch den Fudschi-Insulanern mitteilt, wenn auf dem Neumarkt der Grill angeworfen wird.
Adam C. Oellers, passionsradfahrender Museumskustos, stellvertretend für das breite kulturelle Leben des Viertels.
Erlendt Remie, einer der Hauptinitiatoren der multimentalen
Frankenberger Boulefreunde zwischen Anspielen, Anschneiden, Legen, Kicken, und König Pilsener.
Und natürlich er, welcher Weg könnte an ihm
vorbeiführen? Hans-Dieter Jurewicz, gemeinsam mit seiner Uschi Multiplikator und Motor des Viertels schlechthin, Mister Neumarkt und damit Europas einziger Bürgermeister eines städtischen Platzes.
Die Weltoffenheit des Frankenberger Viertels wird im
sechsten Preisträger dokumentiert: Gerd Dupont, Bürgerbeauftragter der Stadt Aachen, wohnt zwar weit entfernt in der Hermannstraße (das ist Richtung England), hat sich aber im Dialog mit den Bürgern vielfach
verdient gemacht (Boulebahn, Beleuchtung, Wochenmarkt).
Zwei weitere Preisträger darf das noch zu gründende
Mullefluppet-Festkomitee des Frankenberger Viertels in der nächsten Zeit noch selbst berufen.
Der traditionelle Festakt mit der offiziellen
Preisverleihung wird in der Kappertz-Hölle im Herbst dieses Jahres stattfinden. Es ist dem Frankenberger Viertel unbenommen, sich im Frühjahr des nächsten Jahres mit einem Neumarkt-Fest - zum Beispiel
sonntags bei einem Jazz-Frühschoppen - gemeinsam mit der Aachener Zeitung selbst zu feiern.
Letzteres aber können wir jetzt schon beginnen.
Manfred Kutsch
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